Potsdams Rugby-Schiedsrichter Joshua Jahn zur aktuellen Schiri-Debatte in Deutschland

Aktualisiert: 14. Nov 2019

Die Rugby-Weltmeisterschaft ist vor knapp anderthalb Wochen mit einem fulminanten Finale zu Ende gegangen. Die Springboks aus Südafrika haben nach harten 80 Minuten verdient gewonnen und verwiesen England auf den zweiten Platz. Mit dem Finalspiel sind auch acht Wochen über die Bühne gegangen, in denen sich die deutschen Zuschauer des drittgrößten Sportereignisses der Welt teilweise verwundert die Augen gerieben haben. Zweimal 40 Minuten prallen da wahre Kolosse aufeinander. Die Spieler haben sich gegenseitig nichts geschenkt und man konnte als Zuschauer die Impacts regelrecht selbst spüren. Ein Sport, bei dem es körperlich hart zur Sache geht, die Spieler sich aber nach dem Spiel noch auf der „größten Bühne der Welt“ direkt nach dem Abpfiff auf dem Platz die Hände schütteln und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen. Allen voran wird dem Schiedsrichter gedankt. Dafür dass er das Spiel die vollen 80 Minuten geleitet hat und penibel darauf achtete, dass die Regeln eingehalten werden. Das ist beim Rugby Tradition und daran wird auch nicht gerüttelt. Auch während des Spiels wird sich dem Schiedsrichter nur in respektvollem Abstand genähert. Seine Entscheidungen sind Gesetz und bilden auch keine Einladung zu Diskussionen seitens der Spieler. Nur die Kapitäne der beiden Mannschaften dürfen mit dem Schiedsrichter reden wenn sie eine Frage haben. Alle anderen Spieler bringen ihre Anmerkungen ihrem Kapitän, der dann mit dem Schiri darüber spricht – sofern während des Spiels Zeit dafür bleibt.


Schiedsrichterschelte nach dem Spiel? Mitnichten! Auch bei bitteren Niederlagen verhalten sich die Spieler im Interview nach dem Spiel respektvoll. Sowohl dem Gegner als auch dem Spielleiter gegenüber.

Ein Umstand, der beim Fußball schon lange in weite Ferne gerückt ist, wie man an den letzten Schlagzeilen sehen konnte. Man liest von K.O.-Schlägen während des Spiels, als ein Fußballer seine zweite gelbe Karte attestiert bekommt und den Platz verlassen muss und derart heftig den Schiedsrichter niederschlägt, dass dieser mit einem Rettungshubschrauber in das nächste Krankenhaus geflogen werden muss. In den obersten Fußball-Ligen bilden sich nach fast jeder Schiedsrichterentscheidung Rudel um den Schiedsrichter, in denen man die längst getroffene Entscheidung anzweifelt und auf den Schiri einredet, ja regelrecht einschreit. Was macht das mit dem Sport? Die Sportler haben eine Vorbildfunktion für die nachkommende Gesellschaft. Was der Nachwuchs im Fernsehen sieht, wird er am nächsten Wochenende auf den Bolzplätzen der Republik nachahmen. Schwalben, Diskussionen etc. gehören mittlerweile zum Grundrepertoire eines jeden Nachwuchskickers

Muss das sein? Wir haben mit dem Potsdamer Rugby-Schiedsrichter Joshua Jahn gesprochen und ihn nach seiner neutralen Sicht auf die neuesten Entwicklungen befragt.


Joshua Jahn (2. von links, stehend) ist als Schiedsrichter in der 1. Rugby-Bundesliga unterwegs

Joshua, wie erlebst du als Rugby-Schiedsrichter die aktuelle Schiri-Debatte im Fußball? (aktuelles Thema: Körperverletzung gegen Schiris in den unteren Klassen, bzw. Ligen beim Fußball)


Ich bemitleide meine Kollegen da ganz schön. Zum einen gibt es wie in allen Sportarten einen Schiedsrichtermangel, wodurch es teilweise auch berechtigten Frust den Unparteiischen gegenüber gibt. Zum anderen haben es die Kollegen aber auch ungemein schwer, da die Spieler Woche für Woche sehen, wie Profispieler und -trainer die Entscheidungen anzweifeln und die Schiedsrichter verbal sowie teilweise körperlich angehen. Im Fußball scheint es mittlerweile okay zu sein den Schiedsrichter anzufassen. Wenn Franck Ribery einen Linienrichter verbal beleidigt sowie körperlich angreift und dann nur drei Spiele Sperre bekommt, was sendet das denn für ein Signal?  Da ist es auch kein Wunder, dass es zu solchen Körperverletzungen in unteren Klassen kommt.


Was sind deine Erfahrungswerte als Schiri beim Rugby? Rugby ist ja ein knüppelharter Sport bei dem man sich gegenseitig nichts schenkt und in dem viele emotionsgeladene Situationen sind, die schnell eskalieren könnten, diese aber sehr selten vorkommen.


Da Rugby ein sehr körperlicher Sport ist, funktioniert das Ganze nur wenn sich alle an bestimmte Spielregeln halten und es ein Grundvertrauen gibt, dass der Gegner zwar hart aber nicht überhart und körperverletzend spielt. Wenn es dieses Vertrauen und dieses an Festhalten an Grundregeln nicht geben würde, dann würde man sich nicht freiwillig auf den Platz stellen. Dies ist auch bei anderen sehr körperlichen Sportarten wie zum Beispiel Handball und Eishockey zu sehen.


Was unterscheidet darin Rugby vom Fußball?


Natürlich gibt es im Rugby auch Grenzüberschreitungen, aber hier hat der Schiedsrichter im Gegensatz zum Fußball relativ gute Sanktionsmöglichkeiten. Wenn zum Beispiel jemand meckert, kann der Schiedsrichter die Strafe gegen dieses Team um 10 Meter weiter nach vorne verlegen. Hierdurch regelt sich so was von alleine relativ schnell, da dadurch das ganze Team immer wieder relativ viel Raum verliert, worum es im Rugby ja geht, und die Mannschaft dann von selbst ein Interesse daran hat, dass der Spieler aufhört zu meckern und zumeist auch dafür sorgt, dass dies passiert. Außerdem kann für mittelschwere Vergehen eine gelbe Karte vergeben werden, wodurch der Spieler eine Zeitstrafe von 10 Minuten erhält und Zeit zum Runterkommen, sowie zum Nachdenken über sein Vergehen hat. Außerdem spielt der Kapitän eine deutlich größere Rolle als im Fußball. Im Rugby gibt es die klare Vorgabe, dass nur der Kapitän mit dem Schiedsrichter redet und dies größtenteils auch so praktiziert wird. Hierdurch kann man als Schiedsrichter die Verantwortung viel besser auf die Mannschaften abladen, da man dem Kapitän den Auftrag gibt für eine Verhaltensänderung zu sorgen und dieser nun dafür verantwortlich ist. Darüber hinaus gibt es einen klaren Kommunikationsweg zwischen Mannschaft und einen klaren Ansprechpartner für mich als Schiedsrichter, wodurch viele Probleme besser gelöst werden können. Eine weitere Sache die ich im Rugby deutlich besser finde, ist die Transparenz der Schiedsrichter. Bei Rugby-Übertragungen im Fernsehen ist auch immer der Schiedsrichter zu hören. Hierdurch können Entscheidungen besser verkauft werden und sind für alle nachvollziehbarer. Außerdem müssen sich die Spieler hierdurch auch mehr zusammenreißen und können den Schiedsrichter zum Beispiel nicht verbal angreifen.


Da du ja international als Schiri unterwegs bist, kann man das pauschalisieren, bzw. in allen Nationen und Kulturen beobachten?


"Joshi" kann auf einen internationalen Erfahrungsschatz zurückgreifen. © Ute Meesmann

Ja, ich habe mittlerweile auf mehreren Kontinenten Rugby gespielt und gepfiffen (Neuseeland, Dubai, China, Japan z.B.) und überall gibt es diesen wertschätzenden Umgang mit Schiedsrichtern im Rugby. Natürlich sind manche Spieler mit einigen Entscheidungen nicht so einverstanden, aber es herrscht immer ein respektvoller und konstruktiver Umgang miteinander. Vor allem beeindruckt hat mich die Mentalität in Japan. Dort wird die Entscheidung des Schiedsrichters im Rugby während des Spiels überhaupt nicht angezweifelt, selbst durch Trainer und Zuschauer nicht. Ich hatte zum Beispiel dort mal ein Spiel zwischen zwei Universitäten gepfiffen und es waren relativ viele Zuschauer vor Ort. Bei einer Entscheidung war ich mir nur zu 80% sicher dass ein Fehler passiert ist. In Deutschland hätten die Zuschauer und der Trainer sofort gemeckert, da aber niemand im Stadion irgendetwas sagte, dachte ich okay, dann habe ich es wohl falsch gesehen. Auf dem Video im Anschluss war dann aber klar und offensichtlich zu sehen, dass es eine Fehlentscheidung war. Das fehlende Meckern war für mich aber so ungewöhnlich, dass ich deswegen meine eigene Entscheidung angezweifelt habe.


Was kann der Fußball deiner Meinung nach vom Rugby lernen, bzw. kann Rugby in dieser Hinsicht als Vorbildfunktion für den Fußball fungieren?


Die oben beschriebenen Sanktionsmöglichkeiten lassen sich nur bedingt auf den Fußball übertragen. Eine räumliche Bestrafung für Meckern hätte beim Fußball nur bedingt eine Auswirkung. Mit einer Zeitstrafe für Vergehen wurde in Deutschland bereits in den 90er Jahren experimentiert und derzeit wieder in England. Allerdings scheint eine temporäre Unterzahl im Fußball keinen so großen Unterschied zu machen wie in anderen Sportarten. Was aber einen Effekt hätte, wäre wenn wirklich nur der Kapitän im Fußball mit dem Schiedsrichter reden dürfte. Das würde am Anfang zwar relativ schwer umsetzbar sein, da die Verhaltensmuster bereits so fest in den Köpfen von Fußballspielern drin sind, aber meiner Meinung nach langfristig einen großen Erfolg bringen. Eine weitere Sache die sich der Fußball beim Rugby abgucken könnte, wäre die Behandlung von verletzten Spielern. Beim Rugby geht das Spiel trotz Verletzungen weiter und der verletzte Spieler wird direkt auf dem Platz behandelt, während das Spiel weitergeht. Einzige Ausnahme ist, wenn sich das Spiel in die direkte Nähe des verletzten Spieler verlagert. Dies könnte auch beim Fußball praktiziert werden und für mehr Spielfluss sorgen. Hierdurch würden sich auch die schauspielerischen Einlagen deutlich verringern und die Spieler nach einem harmlosen Foul nicht noch zehn Extra-Rollen machen und sich das Gesicht halten, obwohl sie am Fuß getroffen wurden. Die oben beschriebene Transparenz durch die Verkabelung der Schiedsrichter ist ebenso eine Sache die sich der Fußball auch abgucken könnte.


Was muss sich beim Fußball ändern?


Die ganze Einstellung dem Schiedsrichter gegenüber. Das Beispiel Franck Ribery zeigt ja, dass es zwar nicht okay ist den Schiedsrichter verbal und körperlich anzugehen, es aber auch nicht wirklich schlimm ist, da es ja nur drei Spiele Sperre dafür gibt. Außerdem gibt es im Fußball diese Mentalität, wirklich jede Entscheidung des Schiedsrichters anzuzweifeln. Selbst bei glasklaren Vergehen wird erst mal gemeckert und die Unschuld beteuert. Auf Seiten der Schiedsrichter müssen sich aber auch Dinge ändern. Es ist zum Beispiel ein absolutes Unding, dass die deutschen Fußballschiedsrichter keine offiziellen Profis sind. Es ist doch absolut unverantwortlich, dass es um Millionenbeträge geht, die Spieler ihr Leben lang nichts anders machen außer Fußball spielen und der Schiedsrichter, der mit diesen Spielern mithalten soll, tagsüber in einer Bank arbeitet und sich nicht 100% auf seine Aufgabe am Wochenende vorbereiten kann, wo er vor 80.000 Zuschauern im Stadion und Millionen vor dem Fernseher Leistung bringen muss.


Bestes Beispiel Videobeweise: im Rugby seit langem Gang und gäbe, im Fußball relativ neu und bis dato auch von Sportjournalisten verteufelt. Wie siehst du das?


Diese Diskussionen gab es in jeder Sportart, in der der Videobeweis bisher eingeführt wurde. Natürlich funktioniert das ganze hier und da am Anfang noch nicht so gut, aber dieser Prozess lässt sich jetzt nicht mehr umkehren. Was mich ein wenig verwundert ist die Arroganz des Fußballs nicht aus den Fehlern der anderen Sportarten zu lernen und zu glauben es alles viel besser machen zu können. Den Videobeweis in der jetzigen Form beim Fußball finde ich auch nicht so gut, da alles viel zu lange dauert und der Prozess besonders für die Zuschauer im Stadion völlig intransparent ist. Ich glaube aber dass sich hier in Zukunft noch einiges ändern wird und in ein paar Jahren die negativen Stimmen verstummt sind. Beim Rugby und anderen Sportarten war es schließlich genauso.


Danke für das Interview, Joshua.


Zur Person:

Der dreißigjährige Joshua Jahn ist studierter Politikwissenschaftler und derzeit als Projektleiter im Bereich der Erwachsenenbildung tätig. Mit 10 Jahren fing Joshua beim USV Potsdam mit dem Rugby an und der Sport hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Seit 2009 ist Joshua auch als Schiedsrichter im Rugby aktiv. Dort hat er die A-Lizenz und darf zudem beim olympischen Siebener-Rugby als Schiri pfeifen. Mittlerweile ist Joshua auch international ein gefragter Mann. So fliegt er mehrmals im Jahr zu internationalen Turnieren (Budapest, Dubai, Hongkong, Japan) und wird auch vom Europäischen Rugbyverband als Linienrichter bei Länderspielen eingesetzt.


Joshua war auch selbst jahrelang als Spieler für den USV Potsdam in der 1. und 2. Bundesliga aktiv. © Corinna Jahn